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Im Wasser der Bahnenschwimmer

Am Montag war ich mit Dimi in der Schwimmhalle.

Dimi, der jeden Sport liebte und zu jeder Stunde. Selbst wenn er abgekämpft nach Hause kam, wechselte er noch auf der Schwelle in seine Sportschuhe und rief nur "Bis später Ingel!" und ich schüttelte den Kopf unmöglich meinen matten Körper von der Couch zu erheben und lachte höchstens mal ein "Mach das!" Er fuhr stundenlang Rad oder lief durch den Stadtpark. Und manchmal überlegte er sogar in unsere Wohnung Geräte zu stellen, die uns ermöglichen würden, gleich dort, gleich vom Bett aus, noch vor dem Frühstück, Sport zu treiben, uns gesund zu japsen und ich fluchte, wie teuer die Dinger seien, bestimmt teuer und draußen sei Sport doppelt gesund und Dimi verwarf es wieder.

Die Duschen der alten Halle waren noch genau wie vor vielen Jahren, als ich dort schwimmen lernte. Ebenso vertraut, ebenso einsam. Mit ihren kleinkarierten Kacheln und ihren immer noch unregelbaren Mischbatterien schafften sie es einfach nicht, mir das Gefühl von Behaglichkeit zu vermitteln. In der Halle gab es zwei Becken, eines für Turmspringer und eines für Bahnenschwimmer. Ich schwamm Bahnen und Dimi fragte mich, ob ich schon mal vom Zehner gesprungen sei und ich erinnerte mich, dass ich einmal sehr viel Zeit am Beckenrand verbracht hatte, weil selbst der mir so schwindelerregend hoch vorkam, und ich dort stand und ins Wasser sah, meine Zehenspitzen umkrallten den Fliesenrand und dass ich lieber die Leiter ins Wasser nahm. "Nein, bin ich noch nie. Du?"

Später, als Dimi verschiedene Schwimmvariationen ausprobierte und beeindruckend schnell seine Bahnen durchzog, bewegte ich mich erheblich langsamer und immer brustschwimmend. Ich hatte "Anziehen! - Kreisen! - Pause!", im Ohr, die Bewegungsbefehle meiner Schulzeit, denen unsere Beine zu gehorchen hatten, wollten wir die Schwimmstufe 1 "Brustschwimmer" erreichen. Manchmal sah ich sogar meine höhensonnengebräunte Schwimmlehrerin am Rand stehen, mitsamt ihrer um den Hals gebundenen Pfeife und des meterlangen Stocks für Rettungszwecke, den sie aber dazu einsetze, die sich am Rand drängelnden Schlechtschwimmer wegzuscheuchen.

Ich dachte, wie kann ich die Bahnen dieses Beckens nur durchschwimmen. Dieses Becken, in dem ich auf gar keinen Fall ertrinken wollte, weil Lui das schon getan hatte. Lui, der heißgeliebte Enkel meiner Großmutter. Der von allen Mädchen umschwärmte Lui, der hier ertrank, wo es bewachteres Wasser selten gibt und bis heute keiner versteht, wie das passieren konnte.

Ich erinnerte mich noch genau an den Tag im Mai vor elf Jahren, als ich von der Schule nach Hause kam und unsere Wohnungstür aufschloss, hinter der meine Mutter und meine Schwester standen. Beide sahen mich böse und verängstigt an. Ich erinnere mich, dass ich, wie am Beckenrand nach Atem ringend, verzweifelt überlegte, was ich falsch gemacht haben könnte. "Lui hatte einen Unfall", sagte meine Mutter. Und: "Er liegt auf der Intensivstation." Ich durfte ihn nie besuchen, war nicht verwandt genug und saß lange auf dem Flur vor der Station, während meine Mutter grün gekleidet an seinem Bett sitzen durfte und mit ihm sprach. Ich liebte unseren schönen Lui, den Umschwärmten, der mich ansah, wie man ein Mädchen ansieht. Nach einer Woche stellten die Ärzte die Geräte ab, sein Körper allein bedeutete wohl niemandem etwas.

Und nun schwamm ich in dieser Halle meine Bahnen. Und als mir auch noch andauernd Wasser in die Nase schwappte, was mir schon als Kind höllische Angst einjagte, und es meinen Hals reizte, und ich schnell zum Rand paddelte, mich festkrallte, bis sich mein Husten wieder beruhigte, habe ich mich gefragt, ob es immer noch dasselbe Wasser ist.

Dimi wusste davon nichts. Es ist ihm nur aufgefallen, dass ich mich zierte, schwimmen zu gehen. "In eine Halle, warum gehen wir nicht im Sommer ins Meer, warum denn heute?" hatte ich gefragt, aber er schob es darauf, dass ich Sport verabscheute. Dass ich doch mitkam, war für ihn ein Liebesbeweis. Als ich mich einige Minuten am Beckenrand erholte, kam er gleich zu mir und schimpfte über die anderen Schwimmer. "Eigentlich ist es so gedacht, dass man auf der linken Seite hin und auf der rechten zurück schwimmt." Ich schaute auf die schwimmenden Frauen und sah, was er meinte. Dimi war hier, um viele Bahnen zu schwimmen. Ihn regte es auf, obwohl er natürlich recht hatte. Dieses Kreuz-und-Quer-Geschwimme wirkte erschwerend auf eine kontinuierliche Bahnenschwimmerei, doch ich hatte nur Angst, jemanden zu berühren und aus dem Gleichgewicht zu kommen.

Ich war eine ängstliche Schwimmschülerin. Schon morgens um sieben Uhr, im Wasser der Bahnenschwimmer, habe ich immer die Tiefe im Auge behalten und beschlossen, niemals Taucherin zu werden und dazu auch noch das Weltall zu meiden. Die Lust auf unendliche Weite wurde mir fremd. Ich hielt mich so oft wie möglich am Beckenrand auf, weil ich meine Überlebenschance dort als besonders hoch einschätzte. Am schlimmsten war es als Achtjährige. Ich fürchtete mich vor der Lehrerin, davor, ohne Schwimmhilfen in das Wasser zu müssen, vor Vorbeischwimmenden, vor der Höhe der Halle und der Tiefe des Wassers. Wenigstens war meine Mutter beruflich so beschäftigt, dass sie mich nicht begleiten konnte, wie es die Mütter zu klein und zu zart geratener Jungen taten. Sie hatten es noch viel schwerer. Durch die Anwesenheit ihrer besorgten Mütter bemühten sie sich erst gar nicht ihre Tränen zu unterdrücken, was mir wenigstens gelang.

Dimi kannte diese Ängste nicht und ich bin mir sicher, er hat sie nie gekannt. Er hat mir mal erzählt, dass sein Vater ihn schwimmen lehrte, indem er ihn ins Wasser warf und sagte: "Entweder er schwimmt oder er geht unter." Es gibt sie tatsächlich, die stark macht, was sie nicht umhaut.

Nach einer Stunde Hallenlärm, nach der Erinnerung an Lui und an ein Kind, das nicht schwimmen wollte, verließen Dimi und ich das Becken in getrennte Kabinen. Ich zog mir den nassen Badeanzug vom Körper und spülte ihn aus. Ich versuchte gar nicht erst zu duschen, nahm einfach mein Handtuch, setzte mich auf eine der schmalen Bänke vor den Spinten und trocknete meine Haare. Erst als sich die Umkleide mit Frauen befüllte, öffnete ich den schmalen Schrank und zog mich an. Ich roch noch einmal an der Erinnerung und sah mich als Mädchen vorbeilaufen. Ich war immer noch in der Hoffnung, wir würden in die kleine Halle mit flacherem Wasser gehen, doch fast immer nahmen wir die Tür zur Großen.